Geschichte mit Aussicht: Führungen durch den Dicken Turm
27. September 2026
Geschichte mit Aussicht: Führungen durch den Dicken Turm
27. September 2026

Der Dicke Turm zeigt, was möglich ist (Esslinger Zeitung vom 10.10.2026)

Der Dicke Turm zeigt, was möglich ist

Mit der Initiative Turmwächter hat Petra Helmcke in Esslingen viel bewegt. Nun setzt sie sich dafür ein, dass das Beispiel bei anderen Bürgerprojekten Schule macht.

Von Alexander Maier

ESSLINGEN. Zu ihrem Dicken Turm spüren die Esslinger seit jeher eine ganz besondere Verbindung. Für viele ist „der Dicke“ das Wahrzeichen der Stadt schlechthin. Seit einem Jahr ist das mächtige Gebäude aus dem 16. Jahrhundert wieder bis hinauf zum repräsentativen Turmsaal nutzbar. Für die Stadt war die Sanierung ein finanzieller Kraftakt, der nur dank vieler großer und kleiner Spenden möglich wurde. Dass der Stein ins Rollen kam, war das Verdienst von Petra Helmcke und ihrer Initiative Turmwächter. Die hatte schon für die Turmsanierung gekämpft, als viele noch dachten, dass das Millionenprojekt auf lange Sicht nicht finanzierbar wäre. Dass es trotzdem gelungen ist, wertet Petra Helmcke als positives Zeichen dafür, dass auch in schwierigen Zeiten vieles möglich ist, wenn die Stadtgesellschaft zusammenhält – und wenn die Bedenkenträger über ihren Schatten springen.

Petra Helmcke erinnert sich noch gut an das, was sie zu hören bekam, als sie und ihre Mitstreiter begannen, Unterschriften und Spenden für die Turmsanierung zu sammeln: „Anfangs hieß es im Rathaus, wir würden nur falsche Hoffnungen wecken. Wir sind froh, dass unsere Haltung bestätigt wurde.“ Ein ganz wichtiger Aspekt: Bei einer der Turm-Führungen, die die Turmwächter anbieten durften, war ein Baurechtsexperte da bei, der wesentliche Tipps für ein praktikableres und günstigeres Brandschutzkonzept gab. „Das hat die kalkulierten Kosten auf ein machbares Maß reduziert“, erzählt Helmcke. „Daran sieht man, dass es gut ist, bei Planungen und Kostenschätzungen genauer hinzuschauen.“ Und dann zitiert Helmcke eine ihrer liebsten Weisheiten, die sie in der Kommunalpolitik oft bestätigt findet: „Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Begründungen.“

Dass die Sanierung des Dicken Turms zur Erfolgsgeschichte wurde ist, freut die Turmwächterin: „Wichtig ist nun, dass die Esslinger ihr Wahrzeichen mit Leben erfüllen können. Ein gut genutzter Turm schafft Identität und zeigt, dass es sich lohnt, sich für solche Projekte zu engagieren.“ Deshalb sieht sie die Nutzungsgebühren für den Turm mit gemischten Gefühlen: „Bei uns melden sich immer wieder Menschen, die gespendet haben und die ihn gerne auch mal selbst mieten würden. Doch das ist leider für viele unerschwinglich.“ Dabei denkt Petra Helmcke nicht zuletzt an die Pflicht, für die Bewirtung einen von der Stadt autorisierten Caterer zu engagieren: „Die Miete kann man sich vielleicht leisten, wenn man selbst für Kaffee und Kuchen oder ein Mitbring-Buffet sorgen dürfte. Aber man darf nicht mal selbst einen günstigeren Caterer wählen, wenn der nicht auf der städtischen Liste steht.“ Deshalb hofft Petra Helmcke, dass die Stadt die Nutzungsbedingungen für den Dicken Turm bürgerfreundlicher gestalten wird.

Die Turmwächter-Gründerin wünscht sich, dass das Beispiel des Dicken Turms Schule macht: „Esslingen erlebt finanziell schwierige Zeiten. Wenn wir Projekte realisieren wollen, die den Menschen guttun, auch wenn sie nicht zu den sogenannten Pflichtaufgaben gehören, kann bürgerschaftliches Engagement ein Weg sein. Es sind nicht nur Straßen und Brücken, die Esslingen lebenswert machen – gerade in Zeiten, die den Menschen einiges abverlangen. Der Dicke Turm zeigt, was möglich ist, wenn man zusammenhält. Was die Stadtgesellschaft dort oder beim Alten Rathaus geschafft hat, kann auch bei anderen Projekten gelingen.“ So hat Petra Helmcke das historische Gebäude Heugasse 11 im Blick, das seit Jahrzehnten zur Bücherei-Erweiterung vorgehalten wird.

Der Gedanke, die Heugasse 11 zum Bildungshaus zu machen, überzeugt sie: „Wir wissen nicht erst seit der jüngsten PISA-Studie, dass wir in der Bildung großen Nachholbedarf haben. Viele Menschen haben erkannt, dass wir viel mehr tun müssen, um die junge Generation gut auf die Zukunft vorzubereiten. Mit einem Bildungshaus, das Platz zum Lernen und für pädagogische Angebote vorhält, könnte die Stadtgesellschaft Zeichen setzen. Wenn die Stadt dafür nicht die nötigen Gelder investieren kann oder will, sollte sie zumindest der Bürgerschaft Gelegenheit bieten, dort etwas Zukunftsträchtiges zu entwickeln.“ In anderen Städten gebe es viele gute Beispiele für bürgerschaftliches Engagement. „Das kann bis zu Großprojekten wie in Augsburg reichen, wo die örtliche Handwerkerschaft vor Jahren ein historisches Gebäude von Grund auf renoviert und zum Handwerkermuseum gemacht hat. Warum sollte uns so etwas in Esslingen nicht auch gelingen?“, findet Petra Helmcke.

Für sie ist klar, dass solch ambitionierte Vorhaben nur mit einer hohen Motivation der Bürgerschaft gelingen können: „Die Menschen müssen spüren, dass sie für die Stadt wichtig sind und dass ihr Engagement respektiert und bestmöglich gefördert wird. Das hat viel mit Wertschätzung zu tun. Wenn wir es schaffen, viele Menschen hinter einem gemeinsamen Ziel zu vereinen und nicht gleich abzuwinken, bevor man es versucht hat, kann das der Stadtgesellschaft unglaublich guttun. Was wäre dafür besser geeignet als ein Bildungsprojekt für die Zukunft?