Fitnesskur fürs Wahrzeichen.

Esslingen – Sanierung des Dicken Turms beginnt noch in diesem Jahr – Erschwingliche Mieten werden angestrebt

Von Alexander Maier

Es gibt nicht viele Bauwerke, die den Esslingern so sehr am Herzen liegen wie der Dicke Turm. Umso schmerzlicher fanden es viele, dass die dortige Gastronomie 2011 die Segel streichen musste. Seither öffnen sich die Türen des Esslinger Wahrzeichens nur noch zu besonderen Gelegenheiten. Lange schien es, als sollte sich daran auch so rasch nichts ändern, weil zeitweise bis zu sieben Millionen Euro als mögliche Sanierungskosten genannt worden waren. Viele Bürgerinnen und Bürger blieben dennoch am Ball. 2014 gründete sich die Initiative Turmwächter, die sich längst als Verein etabliert hat. Der Burgverein, der sich zunächst auf die Sanierung der Burgstaffel und des Seilergangs konzentriert hatte, wandte sich ebenfalls dem Dicken Turm zu und mobilisierte bislang 150000 Euro an Spenden. Weitere 300000 Euro steuerte die Firma Festo bei. Und der Gemeinderat hat beschlossen, jeden gespendeten Euro zu verdoppeln. Damit ist genügend Geld in der Kasse, um die ersten Sanierungsschritte anzugehen. Zunächst soll bis Ende 2020 die Burgstube wieder nutzbar gemacht und ein Aufzug eingebaut werden. Noch in diesem Jahr rücken die Bauarbeiter an.

Souvenirs werden versilbert

Wenn das komplette Sanierungskonzept realisiert ist, können wieder bis zu 199 Personen die Räume im zweiten und dritten Obergeschoss gleichzeitig nutzen. Das Sanierungstempo gibt der Spendenpegel vor, denn der Gemeinderat hat 2016 im Sanierungs- und Instandhaltungskonzept für die Burg festgelegt, dass die Stadt für den Erhalt der historischen Substanz inklusive „Dach und Fach“ des Turms aufkommt. Die Innensanierung des Turms soll aus Spenden finanziert werden. Mittlerweile ist genug Geld auf dem Konto, um loszulegen. Im ersten Bauabschnitt, für den bislang knapp 700000 Euro veranschlagt sind, widmet sich der Eigenbetrieb Städtische Gebäude Esslingen (SGE) der Burgstube im zweiten Obergeschoss. Dort werden bestehende Einbauten und die alte Küche entfernt – was gefragt ist, wird verkauft. „Vor allem der alte Zapfhahn mit dem Logo der einstigen Plochinger Waldhorn-Brauerei ist sehr begehrt“, verrät SGE-Chef Oliver Wannek. Der Erlös aus dem Verkauf solcher Erinnerungsstücke soll in die Sanierungskasse fließen.
Um die baurechtlichen Anforderungen zu erfüllen, wird das Treppenhaus als erster Fluchtweg ertüchtigt. Ein zweiter Rettungsweg führt über den Seilergang – eine Lösung, die nicht zuletzt auf Vermittlung der Turmwächter gefunden wurde und viel Geld spart. Die Fenster im zweiten Obergeschoss werden mit einer denkmalgerechten Isolierverglasung versehen, die Sanitärräume werden neu geordnet und durch eine Behindertentoilette ergänzt. Die Elektrik muss erneuert werden, eine Notbeleuchtung wird installiert, Wände, Böden und Decken werden teils erneuert und teils gereinigt. „Wenn alles gut läuft, kann die Burgstube vielleicht schon zu Weihnachten 2020 wieder vermietet werden“, hofft Oliver Wannek.
Weitere rund 160000 Euro hat die SGE für den zweiten Abschnitt veranschlagt – dann soll ein neuer Aufzug vom Eingang bis ins zweite Obergeschoss eingebaut werden. Und schließlich werden im dritten Bauabschnitt weitere  660000 Euro fällig, damit der Bürgersaal im dritten Obergeschoss wieder zum vielseitig nutzbaren Schmuckstück wird – attraktive Visionen hat der Burgverein bereits in der Schublade. Neben einer neuen Treppe und einem Personenaufzug vom zweiten ins dritte Obergeschoss sind bau- und brandschutzrechtliche Anforderungen zu erfüllen, diverse Sanierungsmaßnahmen stehen auf dem Programm. Den Deckendurchbruch ins dritte Obergeschoss würde die SGE gerne gleich im zweiten Bauabschnitt erledigen – vorausgesetzt, die Spenden sprudeln weiterhin so munter wie zuletzt.
Dazu wollen auch die Turmwächter bei tragen. „Das ist der Moment, auf den wir fünfeinhalb Jahre lang hingearbeitet haben. Damit ist ein wichtiges Etappenziel erreicht. Es rührt uns immer wieder, wie viele Esslinger sich für ihren Turm engagieren“, freut sich Petra Helmcke, die Vorsitzende der Turmwächter, die mittlerweile auch ein stattliches Sümmchen für die Sanierung des Dicken Turms gesammelt haben. Gemeinsam mit der SGE wollen die Turmwächter nun überlegen, wofür dieses Geld genutzt werden könnte. „Wir wünschen uns, dass unser Spendenbetrag, zu dem ganz viele Esslingerinnen und Esslinger beigetragen haben, in etwas Konkretes fließt, damit unsere Spender sehen, wofür sie ihr Geld gegeben haben“, betont Schatzmeister Thorsten Helmcke.
Die Vermietung des Dicken Turms soll die Kultur und Kongress GmbH Esslingen live übernehmen, die auch das Neckar Forum und das Alte Rathaus betreut. Derzeit wird an einem Betriebskonzept gearbeitet, das die Spielregeln für die Nutzung des Dicken Turms festlegen soll. Den Turmwächtern ist es ein besonderes Anliegen, dass der Dicke Turm künftig wieder von allen Esslingern genutzt werden kann. „Die Stadt muss Möglichkeiten schaffen, damit jeder die Chance hat, den Dicken Turm zu erleben“, findet die Denkmalexpertin Christine Keinath. Der Burgverein sieht das genauso. Dessen Vorsitzender Hagen Schröter betont: „Es ist ganz wichtig, den Dicken Turm nach der Sanierung wieder für eine breite Öffentlichkeit zu öffnen – nicht nur für Firmen, sondern zum Beispiel auch für Familienfeiern. So, wie das früher immer war.“
Finanzbürgermeister Ingo Rust, der zugleich Vize-Chef des Esslinger Burgvereins ist, erklärt: „Unsere Vorgabe an Esslingen live ist, dass es erschwingliche Mieten für den Dicken Turm geben muss. Darüber muss zwar der Gemeinderat endgültig entscheiden, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das kostendeckende Mieten sein werden.“ Christine Keinath denkt bei alledem jedoch nicht nur an Vermietungen für geschlossene Gesellschaften. Neben regelmäßigen Führungen könnte sie sich Tage der offenen Tür vorstellen, an denen zum Beispiel örtliche Vereine für eine günstige Bewirtung sorgen. „Diesen Gedanken werden wir gerne mitnehmen“, verspricht SGE-Chef Wannek.

 

Kommentar

Von Alexander Maier

Turm der Bürger

Als im November 2011 in Esslingens Dickem Turm die Lichter ausgingen, hätten nur wenige darauf gewettet, dass dort in absehbarer Zeit wieder Leben einkehren würde. Denn im Rathaus lag das Thema lange auf Eis. Mittlerweile haben Gemeinderat und Stadtver-waltung das Esslinger Wahrzeichen zu ihrem Anliegen gemacht. Ein Sanierungsfahrplan ist beschlossen, demnächst beginnen die Bauarbeiten. Dass es so weit gekommen ist, ist das Verdienst vieler Esslingerinnen und Esslinger, denen das historische Bauwerk ein Herzensanliegen war und ist. 2014 hatten sich die „Turmwächter“ gegründet, die erste Spenden gesammelt und das historische Gebäude beharrlich und ideenreich ins Gespräch gebracht hatten, auch wenn das manchen im Rathaus zunächst nicht so recht gefallen hat. Dem Burgverein, der sich ebenfalls für den Turm engagiert, ist es gelungen, namhafte Spenden zu mobilisieren – 150 000 Euro gingen bereits an die Stadt, weitere Zuwendungen sind in Aussicht. Der Gemeinderat hat beschlossen, jeden gespendeten Euro zu verdoppeln. Und Leserinnen und Leser unserer Zeitung steuerten Ideen bei, was aus dem Turm werden könnte.
Sobald der Dicke Turm zumindest in Teilen wieder nutzbar ist, soll er an Firmen und Privatleute vermietet werden. Das ist gut, denn das historische Gebäude muss wieder als „gute Stube“ der Bürger erlebbar werden. Eine professionelle Vermarktung muss ob der Investitionen sein. Doch die Stadt ist gut beraten, wenn sie darauf achtet, dass ein Besuch dort nicht zu einem Erlebnis wird, das sich nur wenige leisten können. Die Erfahrungen mit dem Neckar Forum, das für viele örtliche Veranstalter kaum erschwinglich ist, dürfen sich auf der Burg nicht wiederholen. Es gilt, Wege zu finden, damit der Dicke Turm eine gute Adresse für alle Bürger bleibt. Denn ohne die vielen engagierten Esslingerinnen und Esslinger wäre die Stadt bei diesem Thema längst nicht so weit gekommen.

 

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