Er steht in exponierter Lage und trägt seinen Namen zu recht, der Dicke Turm, denn seine Mauern in den unteren Geschossen sind über fünf Meter stark. Er ist ein militärisches Bauwerk, konzipiert für den Artillerieeinsatz, eine unmittelbare Reaktion auf die Belagerung und Beschießung Esslingens durch Herzog Ulrich von Württemberg im Jahr 1519. Der Standort des Dicken Turm war nach strategischen Gesichtspunkten gewählt worden. Er beherrschte den weitläufigen Hofraum der Burg, der nichts anderes als einen großen Zwinger darstellte, und deckte mit seinen großen Geschützscharten alle anstoßenden Mauern und Gräben der Burg, die als weit nach Norden vorgeschobener Teil der reichsstädtischen Befestigung fungierte. Mit seinen meterdicken Mauern, seinen Stellungen für schweres Geschütz und seiner runden Form ist er typisch für den Wehrbau des Spätmittelalters. Er gehört allerdings sicher zu den besonders großen Exemplaren unter den Geschütztürmen, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in der Region entstanden.
Und doch war dieser Turm mehr als nur ein rein militärischer Funktionsbau. Allein schon eine Positionierung an der äußersten Hangkante zeigt, dass dieses Bauwerk auch als eine Demonstration von Stärke und Verteidigungsbereitschaft der Reichsstadt war. Es ist kein Zufall, dass in seine östlich Außenmauer Kanonenkugeln eingelassen wurden, die wohl von der Belagerung 1519 herrührten. Sie signalisierten jedem Angreifer: Schau her, es hat schon einmal einer versucht, aber der Angriff blieb wirkungslos; die Mauern Esslingens sind so stark, dass deine Geschosse einfach in ihnen, ohne großen Schaden anzurichten, stecken bleiben.

Im 18. Jahrhundert hatte die Esslinger Burg längst ihre militärische Funktion eingebüßt, der Dicke Turm war in ruinösem Zustand. Und doch waren sich die Stadtväter der symbolischen Bedeutung des Turms bewusst und ließen ihn 1788 „als ein altes, respektables Monument und Zeichen des ehemaligen Wohlstandes, auch als eine Hauptzierde der Stadt“ renovieren. Der Dicke Turm wurde zum Geschichtszeugen. Im 19. Jahrhundert Ruine, hat man ihn 1887 als Aussichtsturm ausgebaut. Aus dieser Zeit stammt die große hölzerne Haube mit Laterne, die so prägend für den Turm und das Stadtbild ist. Der Esslinger Stadtrat schielte damals nach Nürnberg, eigens entsandte man eine Kommission, welche die dortigen Dicken Türme besichtigte. Und so ziert den Esslinger Dicken Turm ein Aufsatz nach Nürnberger Vorbild, wie ihn jedes Kind von Lebkuchendosen kennt.

Den Esslingern war „ihr“ Dicker Turm also schon immer lieb und teuer. Umso wichtiger ist es, dass heute bürgerschaftliches Engagement den Turm schützen und für die Zukunft bewahren will, damit auch noch kommende Generationen sich an diesem Wahrzeichen der Stadt freuen können.

Dr. Christian Ottersbach
1. Vorsitzender des Marburger Arbeitskreises für europäische Burgenforschung e.V.

 

 

 

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